Donnerstag, 7. April 2016

Pädagogische Kompromisse

Seht Ihr dieses Bild?



Dieses Bild sieht harmlos aus.
Haha ... darf ich mal kurz lachen?

Des erbsündchens Kindergartengruppe plant eine München-Tour ... im Vorfeld werden Bilder gemalt zu allen wichtigen Stationen, die es für die Kinder in München gibt.

Beim Abholen zeigte das erbsündchen mir stolz IHR Bild, es hing mit Wäscheklammern befestigt auf einer Kordel, zwischen vielen anderen, die für das Projekt gesammelt werden sollten.
"Oh wie schön, Schnäuzchen! Das hast du toll gemalt!", war meine Reaktion nach eingehender Betrachtung. Dann wandte ich mich ... ach ich DUMMES ... zum Gehen. 

Nunja ... wer keine Kinder hat weiss nicht, wie laut und wie lange 3 1/2-jährige Menschen schreien können. The Unstoppables sag ich mal - da half kein Erklären, kein Ablenken ... ohne das Bild hätte sie den Kindergarten nicht verlassen - ausser ich hätte sie narkotisiert. 

"Das, was da schreit, das ist meins." erklärte ich den Passanten, die sich vor dem Kindergarten mitfühlend zu ihr herunterbeugten und dem armen kleinen Kind, das tränenüberströmt mit laufender Nase und voller Verzweiflung auf dem Bürgersteig mitten in München Bogenhausen stand, helfen wollten. (Großartig übrigens, bitte immer schauen, ob Hilfe gebraucht wird, egal ob von Mutter oder Kind! Danke an dieser Stelle allen, die sich kümmern!) Nun, Hilfe hätte in diesem Fall eher ICH gebraucht. 

Und ich schwöre euch - ich HABE es versucht. Ich habe alles gegeben, was ich an pädagogischen und sonstwelchen Tricks draufhabe, während die anderen Eltern an mir vorbei gingen, verständnisvoll und mitfühlend nickend und eine Erzieherin mir einen Stuhl brachte.
Nun. Da ich nicht mein restliches Leben in dieser Situation verbringen wollte, fand ich einen (sehr unpädagogischen) Kompromiss: wir haben das Bild kopiert. In Farbe. 

Noch einmal 5 sehr, sehr lange Minuten, in denen das erbsündchen BEIDE Bilder in den Händen hatte, kritisch verglich und dann aber schniefend entschied: "Ok. Wir nehmen das eine mit. Das andere hängen wir auf." (Ich nahm ihr an dieser Stelle zügig das Original aus der Hand und hängte es schnell wieder im Gruppenraum auf die Kordel).  



"Aber nur bis morgen!"
Morgen? Morgen klingt toll für mich - ein Tag Aufschub, klasse!
Morgen ist ein neuer Tag. Und der bringt neues Glück. 

P.S.: Erkennen die Münchner den Mittleren Ring??? Fast schon genial, finde ich.

Mittwoch, 9. März 2016

Schlaf. Oder: Komm mal her, Freundchen.

Ich habe immer zu den Menschen gehört, die morgens nicht nur wortkarg sind, sondern am liebsten gar nicht sprechen. Die Schlaf lieben. Die im Alter von 8 Jahren noch Mittagschlaf gemacht haben (hier kann ich allerdings nicht sagen, ob freiwillig). Die ihr Bett ohne zu zögern als liebstes Möbelstück nennen würden. 

Meine Zeit beginnt so gegen 11.00 Uhr. Ab da kann ich denken und freundlich antworten.
Meine Mutter sagt immer: Kinder wachsen im Schlaf. Ihr seht, ich habe viel geschlafen!

Früher war mir mein Schlaf heilig. Ich konnte immer und überall schlafen. Am Wochenende wurde ausgeschlafen, die ersten Stunden von Schule und Uni manchmal verschlafen, nachmittags ein Nickerchen?  … alles geht! 

Heute ist Schlaf ein Bekannter. Ein guter, den ich freudig begrüße und genieße, so lange er bei mir ist. Den ich kaum vermisse, wenn er fehlt. Ich sehe ihn eben einfach selten. Aber … und hier kommt die gute Nachricht: je älter man wird, desto weniger Schlaf braucht man tatsächlich. Ich spreche aus Erfahrung. Vielleicht gewöhnt man sich auch einfach nur daran? 
Es gibt natürlich auch eine schlechte Nachricht: man kann sich Schlafen abgewöhnen … Ausschlafen geht dann auch nicht mehr, selbst wenn man könnte. Mein Schlafverhalten hat sich entwickelt und über die Jahre und Umstände sehr verändert. Und natürlich den Gegebenheiten angepasst. Ich bin sozusagen ein Schlafchamäleon.

Mein Genuss heute – im Alter von 45 – ist: NICHT ausschlafen. Ich stehe ohne Wecker vor allen auf und genieße die frühen Morgenstunden (in der Regel zwischen 5.00 und 7.00 Uhr), bis der Tag in unserer Familie beginnt.  Im Sommer manchmal sogar früher, wenn die Sonne aufgeht … mit Kaffee auf dem Balkon vor meinem Nähzimmer. Nur ich, mein Kaffee und die Ruhe um mich herum. Nein! Bemitleidet mich nicht – probiert es im Sommer mal aus. Es ist wirklich wunderbar. Aber, man muss es wollen. 



Schlaf. 

Kinder sind das größte Hindernis des Schlafes. Manchmal auch die Gedanken. Beides lässt einen nachts aufwachen und teilweise schwer oder gar nicht wieder einschlafen. Trotzdem steht man morgens auf – etwas müde vielleicht - aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Kaffee ist mein Begleiter.


Über die Jahre hinweg habe ich mit dem Schlaf gehadert. Sehr. Denn er war einfach nicht da für mich. Die Nächte an den Betten meiner Töchter, ihnen sanfte Schlaflieder vorsingen, während sie partout nicht einschlafen wollten, totmüde aber aufgedreht vom Tag; sie trösten, weil sie schlecht geträumt hatten … währenddessen ich dagegen einfach nur so unwahrscheinlich und unendlich müde war, dass ich allein durch die Berührung meiner Wimpern mit dem Kopfkissen in eine Art sofortige Bewusstlosigkeit gefallen wäre. 

Wenn man zu den Müttern oder Vätern gehört, die ihre Kinder im Alter von 0 bis 4 Jahren in den Schlaf bringen, so entwickelt man seine Methoden.
·      
·        Wichtig: 
  • Alle körperlichen Bedürfnisse VOR dem Zu Bett gehen erledigen: Pipi machen, Schnuller/Kuscheltier suchen, Wasser trinken. Hunger gilt nicht, es gab gerade Abendessen. Hofft nicht darauf, dass sie nicht daran denken!!! Hakt es vorher ab! ALLES!!! Das gilt übrigens auch für die Eltern. Klasse Idee noch mal auf Toilette zu gehen!
  • Werden Schlaflieder gewünscht oder sind sie altersgemäß angebracht: unbedingt langweilige Lieder in möglichst monotonem Singsang ohne spannenden Inhalt vortragen (gut: Der Mond ist aufgegangen oder Weisst du wieviel … - schlecht: Fuchs du hast die Gans gestohlen oder Hei ho, hei ho ....) 
  • Nicht auf Gesprächsangebote eingehen! („Oh oh, der Linus heute … bedeutsames Schweigen folgt“) Wenn es euch interessiert, dann fragt bitte erst am nächsten Tag nach. 
  • Die Stimme im Verlauf des Singens leiser werden lassen, bis man schließlich nur noch summt. 
  • Die Augen beim Vorsingen schließen, denn das Kind beobachtet dich höchstwahrscheinlich! Geschlossene Augen sind überzeugend. (gut: durch die halb geschlossenen Lider schauen, ob die Augen des Kindes geschlossen sind und bleiben. Schlecht: dabei einschlafen). 
  •  Auf die Atmung des Kindes achten (gut: schweres Atmen mit leichtem Schnarchen - schlecht: leichte Atmung unterbrochen von Kommentaren zu hochwichtigen Ereignissen des Tages: „Mama!!! Quentin hat geschubst!“ Keinesfalls auf Kommentare eingehen, weiter ATMEN!!!)
Ja, ich bringe meine Jüngste noch ins Bett und … ohhh, wie habe ich mich anfangs aufgeregt (innerlich natürlich nur, äußerlich war ich total "ommm").
Wenn die Hunde plötzlich gebellt haben (Kind: Juhuu, willkommen du Grund zum Augen aufreissen und von vorne anfangen!!!), ich husten musste und ich schon todesmüde anfing die Stunden zu zählen, die mir blieben, bis ich wieder aufstehen musste. 

Nähe tut einfach gut. Allen.
Hier mein Rat:
Wenn ihr zu den Eltern gehört, die ihre Kinder abends sanft in den Schlaf geleiten wollen, die Händchen halten, bis ihre Atmung tief, gleichmäßig und von leisem Schnarchen begleitet ist, und wenn die Kinder VOR euch einschlafen sollen, dann nutzt die Zeit.
Ärgert euch nicht darüber, dass ihr da sitzt, denn ihr habt es euch ja so ausgesucht (und es ist eine gute Wahl, das nur nebenbei). Überlegt euch z. B. ein neues Projekt. Plant euren nächsten Urlaub. Wenn ihr in der DIY-Szene aktiv seid überlegt, welchen Blogbeitrag ihr schreiben wollt, was ihr als nächstes nähen, häkeln, bauen oder basteln möchtet. Mir sind beispielsweise ganz viele Ideen für Schnittmuster durch den Kopf gegangen, als ich so dort saß … die Texte der Schlaflieder automatisch gesungen und gewartet habe. 
 
Bellt ein Hund, hupt ein Auto, klappert Geschirr und das Kind reagiert darauf, dann sagt mit leiser, ruhiger, idealerweise total gelangweilter Stimme: „Ach gut, die Hunde passen auf.“ „Ach schön, der Nachbar ist jetzt auch zu Hause.“ „Ach wie nett, da ist jemand in der Küche.“ Und atmet demonstrativ ruhig und gleichmäßig. Das Kind übernimmt automatisch, dass der Lärm nicht stört, sondern dazu gehört. (Ich hatte die ersten Male Wut. Habe die Hunde zur Ruhe gerufen. Ergebnis? Wollt ihr nicht wissen. Könnt ihr euch denken.)


Übrigens: es gibt ein paar Apps, die Gold wert sind.
Vor dem Einschlafen gibt es z. B. den „Schlaf Zirkus“  – dort kann man allen Tieren des Zirkus Gute Nacht wünschen und das Licht ausschalten. (Meine Favoriten sind übrigens die Flöhe, ihr seht dann warum :D)
Zum Einschlafen steht für uns ganz oben:  wo.audio Eine tolle App mit sanfter Musik, Klängen von Violine, Klavier, Regen, Wasserfall, Grillen … ganz nach Wunsch und individuell zusammenstellbar. (Gut: das Kind schläft innerhalb von Minuten ein - ich glaube, bei uns ist es schon ein pawlowscher Effekt. Schlecht: Hypnotisch, man selbst schläft auch schnell ein. Hier unbedingt Augen auflassen. Oder die App selbst nutzen.)


Für alle diejenigen, die jetzt ihre Finger knacken lassen, um mir geschmeidige Antworten zum Thema „jedes Kind kann verdammt noch mal alleine schlafen lernen“ zu hinterlassen: spart euch die Mühe. Hab ich alles ausprobiert. Meine Älteste, jetzt 17 Jahre alt, musste durch das harte Training. (Damals war ich jung und brauchte Erziehungstipps). Die ich allerdings nicht einmal so konsequent durchgezogen habe, weil diese Methode einfach grausam ist. Klar, sie hat schlafen „gelernt“ wobei ich eher sagen würde, sie hat einfach aufgegeben. Ich habe heute noch in regelmäßigen Abständen -  wenn mich mal wieder das schlechte Gewissen überkommt - Gespräche mit ihr, in denen ich mich dafür entschuldige. Sie findet es jedes Mal äußerst amüsant, beruhigt mich, denn sie kann sich natürlich nicht mehr daran erinnern. Wie auch ich nicht, denn durch die Hinweise meiner Eltern („Lass das Kind schreien, das schläft schon ein.“) ist mir klar, dass auch ich das durchgemacht habe.  Was es für mich nicht weniger schlimm macht. Meine anderen beiden Töchter wurden in den Schlaf gesungen. Mit Händchen halten. Egal wie lange es gedauert hat. Und auch wenn es für sie im Gesamten vielleicht keinen Unterschied macht … ICH fühle mich besser dabei.  


Mittwoch, 3. Februar 2016

Über ebooks, Schnittmuster, Nähanleitungen … und den Umgang mit dem Ganzen

Ihr Lieben, ich möchte kurz (*Nachtrag: es wird doch länger, haha ...) über etwas schreiben, was mir sehr am Herzen liegt. 

Es geht dabei nicht nur um erbsünde, es geht um ebooks und Schnittmuster im Allgemeinen und es geht auch um Postings und Reaktionen in Nähgruppen. Und darum wie man Antworten auf seine Fragen findet, wenn man dies denn wirklich möchte.

Es war einmal.
Viele von uns nähen nun schon eine ganze Weile. Aber es gibt ja auch einige, die täglich neu dazu kommen und die sich noch nicht auskennen. Die Fragen haben und nicht wissen ob der Fehler bei ihnen oder woanders liegt. Und an wen sie sich mit ihren Problemen wenden können. Auch ihre Fragen sollten geduldig, freundlich und so ausführlich wie möglich beantwortet werden, denn wir haben alle irgendwann einmal klein angefangen. Natürlich kann man sich alles auch mühsam zusammen suchen, aber … warum? Wir alle zusammen sind eine Interessengemeinschaft und Mitglieder in diversen Nähgruppen. Wir können uns austauschen und Auskunft geben, wenn wir es möchten, oder wir können es auch einfach lassen. Dazwischen aber, sollte es nichts geben. Vor allem keine verletzenden Kommentare.
Wären wir nicht in der virtuellen Welt von Facebook, sondern säßen bei einer "echten" Nähveranstaltung zusammen, so würden wir doch auch Fragen beantworten und nicht sagen: "Sorry, das nervt. Irgendwann wurde es doch heute schon erklärt", oder "google doch einfach!". 
Also: Wer antworten mag, der antwortet, alle anderen können die Fragen auch einfach überlesen.  

Für die Näheinsteiger unter uns gebe ich zunächst eine kurze Übersicht über ebooks, Schnittmuster und das „Drumherum“.

Was sind ebooks? Wo ist der Unterschied zu einem fertigen Schnittmuster z.B. aus einer Zeitschrift?
ebooks SIND Schnittmuster zum eigenen Anfertigen von Kleidungsstücken. Sie heissen ebooks, da sie in digitaler Form als PDF erhältlich sind. Sie werden ausgedruckt und zusammengeklebt, anschließend wählt man die gewünschte Größe und schneidet sich sein Schnittmuster zu. 
ebooks sind vor Allem für Nähanfänger geeignet, da sie übersichtlicher sind, als Schnittmuster aus Zeitschriften, bei denen teilweise 12 Schnittmuster übereinander liegen. Außerdem enthalten die meisten ebooks sehr ausführliche, bebilderte Schritt-für-Schritt Nähanleitungen, so dass auch ein absoluter Anfänger damit starten kann. 

Auszug aus der Anleitung - ebook Delicia

Probenähen – was ist das? Wie entsteht eigentlich ein Schnitt?

Entwurf für Preciosa - Veröffentlichungstermin März 2016

Für erbsünde entsteht ein Schnitt zunächst in meinem Kopf. Vielleicht suche ich für mich nach einem Kleidungsstück und finde nichts perfektes, oder eine meiner Töchter kommt mit einem bestimmten Wunsch auf mich zu.
Gemeinsam mit meinen Töchtern entstanden beispielsweise die Schnittmuster Gula, Acedia, Levitas und Ira. Ich lasse mir ihre Wünsche erklären und mache dann eine erste grobe Skizze. Gefällt ihnen diese, nehme ich an ihnen Maß und zeichne den Schnitt in der entsprechenden Größe. Dann wird der Entwurf genäht, anprobiert und gegebenenfalls angepasst.
Sind bis hierhin alle glücklich, stelle ich eine Probenähgruppe zusammen. Meist sind dies Frauen, die bereits für mich genäht haben, da die Zusammenarbeit hervorragend klappt. Da aber jeder in seiner Freizeit - neben Familie und Beruf - näht kann es sein, dass die ein oder andere keine Zeit hat. Dann schaue ich mich auch nach neuen Probenähern um, meist in Gruppen, bei denen ich sehen kann, was sie gerne nähen und welche Größen sie abdecken können.
Steht die Probenähgruppe und ich benötige noch Maßangaben, so frage ich diese zuerst an.

Dann gebe ich den handgezeichneten Schnitt an Herrn erbsünde und bespreche mit ihm die Größen- und Längensprünge. Oder ich gebe den Schnitt an meine Schnittdirectrice und bitte sie, die anderen Größen entsprechend meiner Vorgaben zu ergänzen.

Auszug aus dem Schnittmuster Levitas von erbsünde

Ist der erste Schnittentwurf digitalisiert, bekommen ihn meine Probenäher mit einer ersten groben Anleitung und Hinweisen, worauf sie achten müssen: beispielsweise wo ich noch Feedback benötige, ich mir nicht sicher bin oder noch genauere Maße brauche.
Dann beginnen dann diese großartigen Frauen ihre Arbeit, sie nähen, probieren, messen und ich sammle das Feedback. Und an dieser Stelle möchte ich betonen, dass Kritik kommt. Es näht nicht jeder begeistert den Schnitt und sagt: Ah perfekt, kann raus!!! Gott sei Dank kann ich mich auch hier auf meine Probenäher verlassen, die mir direkt sagen, wenn irgendetwas nicht stimmt.
Denn wenn jeder einfach alles schönreden würde, wäre dies fatal. 

Hier das Video, das ich letzten Sommer an meine Probenäher gerichtet habe:



Haben alle ihre Größen genäht und habe ich zu jeder Größe mindestens vier Feedbacks, können erste Anpassungen des Schnittes erfolgen, sofern dies nötig ist. Anschließend wird das Schnittmuster neu gradiert, dann wird noch einmal genäht.
Bei Unklarheiten oder argen Differenzen beim Feedback, werden weitere Personen ins Team geholt bis ein optimales Mittelmaß gefunden wird.
Der Schnitt wird noch einmal korrigiert, die finale Anleitung fotografiert und geschrieben und erst wenn alles … wirklich alles passt, dann wird das ebook veröffentlicht. Ansonsten wird noch weiter getestet, angepasst, gradiert etc.

So. Das ist Probenähen, so entsteht ein Schnitt. Zumindest bei erbsünde – aber bei den meisten meiner Kolleginnen läuft es auch so ab.

Wenn ich ein ebook oder Schnittmuster kaufe, habe ich dann einen Schnitt, der mir auf den Leib geschneidert ist?
Nein.
In der Regel werden ebooks ausgiebig von vielen Frauen unterschiedlichster Körpergröße, Figur und den dazugehörigen Eigenheiten getestet.
Trotz alledem: ebooks sind keine Maßanfertigungen. Schnittmusterersteller müssen sich nach einer gewissen Norm und den Angaben ihrer Probenäher richten und irgendwo auch ein Mittelmaß finden. Und: auch Schnittmuster aus Nähzeitschriften müssen teilweise angepasst werden. Das ist völlig normal und kein Grund zur Besorgnis. Denn kein Mensch ist gleich.
Eine perfekte Maßanfertigung, wie es sie beim Schneider in Einzelanfertigung gibt, ist bei Schnittmustern generell einfach nicht möglich. Jede Figur ist anders … manche Frauen haben einen großen Busen und eine schmale Taille, manche keinen Busen und breite Hüften, andere wiederum sind schmal aber machen Sport und haben kräftige Arme und Beine. Ich z.B. bin sehr groß, habe ein breites Kreuz, eine schmale Taille, aber ordentlichen Bauch und Hintern, dafür dünne Beine. Bei figurnahen Schnitten berücksichtigen ebook-Ersteller dies so gut wie möglich. Trotzdem muss man ein wenig mitdenken.  

Anleitungen – ach nett, aber muss man sie unbedingt lesen?

Ja, bitte. Anleitungen unbedingt lesen!
Mit jedem ebook bekommt man eine ausführliche, bebilderte Schritt-für-Schritt Anleitung. Auch wenn man schon ein erfahrener Näher ist und gleich mit dem Nähen starten möchte, sollte man immer die Anleitung zum Schnitt durchlesen, bevor man mit dem Zuschneiden beginnt. Anleitungen enthalten – neben allgemeinen Informationen zu geeigneten Stoffen und dem benötigten Material – oft auch Hinweise, die speziell für dieses eine Schnittmuster gelten. Da kann man schon 100 Raglan- oder Fledermausshirts genäht haben, es kann sein, dass man eben dieses anders nähen muss. Daher bitte immer die Anleitung lesen.

Los geht´s.
Nun hat man seinen Lieblingsschnitt gekauft, hat dazu unzählige Probe- nähbeispiele gesehen, den passenden Stoff gewählt und schon das fertige Kleidungsstück vor Augen. Und man fängt begeistert an zu nähen.

So. Toll. Das Kleidungsstück ist genäht aber passt überhaupt nicht – woran kann es liegen?
So frustrierend es ist – besonders bei großen Größen, weil man ja doch einiges an Stoff verbraucht: es kann vorkommen, dass ein Schnitt einmal nicht passt. Nun muss die Ursache gefunden werden. Was ist schiefgelaufen?

Hallo Kritik – komm ich drück dich mal
Wichtig ist zunächst: Wie gehe ich vor, wenn ich ein Problem mit einem Schnittmuster habe?
Generell: Kritik ist erlaubt! Kritik muss, soll und darf es geben. Aber Kritik muss sachlich formuliert und vor allem an die Person gerichtet sein, die es betrifft. Und ganz wichtig: diese Person sollte sich dazu äußern können.
Teilweise gibt es Postings in großen Nähgruppen – es wird sich massiv über einen Schnitt beschwert. Viele springen erfreut über eine abendliche Abwechslung auf den Zug auf und bestätigen den Postersteller. "Wie bitte???" ... „Geht ja gar nicht!!!“ Andere versuchen zu vermitteln, oder ergreifen Partei für einen Schnitt. „Stopp, Moment! Bei mir sitzt der super!“ Der Postersteller wiederum fühlt sich angegriffen und denkt, er dürfe sich generell nicht beschweren. Das Ganze eskaliert.
Stop. Hier läuft etwas falsch!

Atme.
Zunächst bitte erst einmal durchatmen. Kritik ist immer erlaubt. 
Aber fragt zunächst denjenigen, der euch helfen kann am besten direkt. Nämlich den ebook-Ersteller. Startet nicht sofort eine Diskussion in einer allgemeinen Nähgruppe, die später eskaliert. Vielleicht ist dies für viele unterhaltsam ... aber doch nicht Sinn und Ziel!
Mit so einem Beitrag ist niemandem geholfen und wenn der Fehler vielleicht sogar bei euch selbst lag, verunsichert ihr andere und seid dem ebook-Ersteller gegenüber sehr ungerecht.
Hat der ebook-Ersteller keine extra Facebook-Nähgruppe (bei mir z.B. „erbsünde Schnittstelle“ oder „erbsünde Plus, wir lieben Kurven“), in denen Fragen gestellt werden können und antwortet er überhaupt nicht auf Nachrichten, so ist es natürlich durchaus legitim, sich woanders Hilfe zu holen.  Schreibt einen Beitrag und ist der ebook-Ersteller in der betreffenden Gruppe, solltet ihr ihn markieren, damit er sich auch angesprochen fühlt und antworten kann.
Das ist der beste Weg, um wirklich eine Lösung zu finden.
Alles andere ist nicht produktiv … denn ich gehe davon aus dass es darum geht, das Problem zu lösen, nicht darum, seinen Frust los zu werden, der vielleicht unbegründet ist.

Das Kleidungsstück passt nicht – was kann passiert sein?
Auch hier kann ich wieder nur von meinen Schnitten sprechen.
Bisher hatte ich hauptsächlich leger fallende Schnitte, wie z.B. Gula, Superbia, Acedia oder Ira … oder ich habe mich nach dem Hüftumfang gerichtet, wie bei der Invidia, der Avaritia, der Minina und der Levitas. Oder das Schnittmuster wird mit Bündchen oder Gummiband tailliert, wie bei der Luxuria.
Die Delicia war jetzt mein erstes Schnittmuster, das ich in Zusammenarbeit mit einer Schnittdirectrice entworfen habe. Mein erster Schnitt, der nicht weit ausfällt, sondern an Armen und Brust körpernäher. Denn die Delicia sollte so perfekt passen, wie möglich. Damit lehne ich mich natürlich weit aus dem Fenster - denn wie eingangs beschrieben gilt es viel zu berücksichtigen. 
Wir haben sehr genau gearbeitet und mein Probenäh-Team hat alle Eventualitäten berücksichtigt. Von schmaler, zarter Statur, bis hin zu Kurven oder Muskeln … und es hat allen gepasst.

Nun gab es dennoch ein paar Fälle, bei denen Käuferinnen die Ärmel nicht gepasst haben, sie waren zu eng.

Überblick (Zahlen resultieren aus dem Feedback, das bei mir persönlich ankam)
* 1.800 verkaufte ebooks in 40 Tagen
* daraus 9 Beschwerden für zu enge Ärmel
* auf Nachfrage: 5x falsch ausgedruckt, 2x sehr kräftige Arme ... 2 Fälle noch ungelöst
Ich denke mal ... sogar namhafte Kleidungshersteller fänden dieses im Schnitt grandiose Feedback optimal. Trotzdem nehme ich jede einzelne Kritik sehr ernst!

Bei den meisten stellte sich heraus, dass sie das Schnittmuster falsch ausgedruckt hatten. 
Um so etwas zu vermeiden, rate ich folgendes:
1. Wichtig ist zunächst, immer das Testquadrat auszumessen. Um Papier- und Druckerpatronenverbrauch zu reduzieren, kann man zunächst auch nur die Seite ausdrucken, auf der das Testquadrat ist. Passt es nicht und sind es auch nur Millimeter, so liegt es zumeist am Drucker oder dessen Einzug. Es muss millimetergenau passen, denn diese kleinen Einheiten rechnen sich über das gesamte Schnittmuster hoch und machen viel aus. Gerade bei figurnahen Schnitten. Passt alles und druckt man dann das gesamte Schnittmuster aus, sollte das Testquadrat trotzdem noch einmal nachgemessen werden.
2. Essentiell ist auch, das Schnittmuster richtig herum auszudrucken – also entsprechend der Vorgabe hochkant oder quer. In der Regel genügt bei den Druckereinstellungen anzugeben, dass das Dokument „automatisch“ angepasst ausgedruckt wird. Kann man dies nicht einstellen, so kann man das Dokument auch öffnen und schauen, ob die Seiten hochkant oder quer ausgelegt sind. Und dann entsprechend den Drucker einstellen.

Passform – was mache ich wenn … es einfach ums verrecken nicht passt.
Trotz allem Probieren, Testen, Probenähen und Anpassen, trotz richtiger Druckeinstellung und perfektem Testquadrat gibt es natürlich auch immer einmal den Fall, dass einem Kunden ein Schnitt einfach nicht passt.

Wie gesagt – jede Frau hat einen anderen Körper und es kann durchaus vorkommen. Im direkten Gespräch habe ich meist erfahren, dass die Frauen dann eigentlich auch schon wissen, dass sie zwar Größe 34 am Busen, aber kräftigere Arme haben und „eigentlich alle Schnitte anpassen müssen“.
Oder, dass ihre Proportionen nicht gleichmäßig sind, sie also am Busen z.B. eine 42 und an der Hüfte eine 46 haben.
Kein Problem, auch hier gibt es eine Lösung.

Wer unsicher ist, kann einfach grundsätzlich am Schnittmuster abmessen. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten: 
1.  Man legt ein gut passendes Kleidungsstück auf den Schnitt und schaut, wo er
verbreitert werden muss. 

2. Man misst sich selbst aus (Brustumfang, Oberarmumfang bei herunter hängenden Armen, Taille etc. … und anschließend den Schnitt (Nahtzugabe nicht vergessen, falls diese im Schnitt enthalten ist)

In der Regel schreibe ich bei meinen Schnittmuster dazu, wie sie angepasst werden können. Oder ich erkläre es in einer persönlichen Nachricht, wenn jemand direkt bei mir Hilfe sucht.

Bei meiner Kaufkleidung habe ich Größe 40, bei dem Schnitt muss ich eine 48 nähen!!!
Keine Panik! Das heisst ja nicht, dass du zugenommen hast! Aber irgendwie muss ein Schnittmusterersteller seine Größen benennen. Sei es mit 36, 38, 40 – oder S, M, L  … es muss eine Bezeichnung geben. Man könnt die Größen auch mit A, B, C etc. benennen - oder grün, gelb, blau .... aber wozu?
Ich beispielsweise habe bei Zara Größe 46, bei H&M Gr. 44 und bei Hallhuber Gr. 42. Ich kriege deswegen aber keine Panik oder kaufe nicht mehr bei Zara, ich weiss einfach, dass ich dort eine größere Größe brauche.

Und darauf will ich hinaus: weder Papierschnittmuster, noch ebooks, noch Kaufkleidung sind Maßanfertigungen. Das ist einfach nicht möglich!
Wer seine körperlichen Stärken und Schwächen kennt und schon ein wenig Näherfahrung hat, der passt die Schnitte an.
Wer sich überhaupt noch nicht auskennt aber weiss, dass er „obenrum“ eine 38 und an Hüfte und Po eine 42 hat, der kann nachfragen. Es gibt immer eine Lösung, alle Schnitte können angepasst werden. 

Und ganz sicher ist es kein Grund zur Besorgnis, wenn ihr bei dem ein oder anderen Schnittmuster eine Größe größer wählen müsst. Genauso wie es kein Grund ist die Diät abzubrechen, wenn man die 38 statt der 42 nähen kann. 
Schnittmuster sind Vorlagen. Keine zweite Haut. 

So. Viel Text, wenig Bilder … ich hoffe ich  konnte ein wenig aufklären, damit jeder weiss: Nähen soll Spaß machen. Nähen ist Kreativität. Und Hilfe naht, wenn darum gebeten wird.
Und bitte: Seid freundlich zueinander!!!
Ich drücke euch,
eure Ilka